USA 2019 Tag 17 von Rochester nach Hebron

Heute wird es wieder ein warmer, wenn nicht sogar heisser Tag. Um viertel vor zehn sitze ich auf meinem Rad und beginne damit, Kilometer zu machen. Darum geht es heute. Diese Etappe ist fast ausschliesslich abseits von Hauptverkehrsstrassen geplant und ich möchte viele Kilometer machen, damit ich morgen ganz entspannt nach Chicago hineinrollen und dabei den Panoramaweg direkt am See mit Blick auf die Skyline geniessen kann. Allerdings ist mir gestern etwas aufgefallen, das zum Problem werden könnte.

Mein hinterer Reifen hat kein Profil mehr. Komplett runtergefahren. Bis Chicago ist es allerdings kein Problem, Gummi ist noch genug drauf. Allerdings sollte ich ihn baldmöglichst wechseln, denn ich weiss nicht, wie es nach Chicago mit Fahrradgeschäften ausschaut und wenn es wieder regnen sollte (das ist nur eine Frage der Zeit), ist mir ein gutes Profil wichtig. Zudem fahre ich Ballonreifen, 26 x 2.0 Zoll. Die muss der Laden erstmal vorrätig haben. In Chicago sollte das kein Problem sein, das ist eine Grossstadt mit viel Auswahl. Also auf jeden Fall in Chicago den Reifen wechseln und nicht bis zur letzten Minute warten.

Nur 400 Meter Hauptstrasse, dann geht es auf die angekündigten kleineren Strassen. Kaum bin ich aus Rochester heraus, beginnen die typischen amerikanischen Strassenbezeichnungen. Nach knapp zehn Kilometern beispielsweise stehe ich direkt an der Kreuzung der 200 W und der 200 N. Die Strassen sind in 100er-Schritten durchnumeriert. Zwischen der 200 N und der 300 N liegt etwa eine Meile. Gibt es dazwischen noch eine Strasse, wird diese in relativer Position entsprechend 225 N, 250 N oder 275 N bezeichnet. Manchmal haben die Strassenbezeichnungen auch noch Ergänzend eine relative Position zu einem Zentrum. Zum Beispiel “West 375 North” oder kurz “W 375 N”.

In Städten funktioniert das wiederum anders. Da gibt es bei der Numerierung Einzelschritte und acht Strassen ergeben eine Meile. So weiss man, dass es von der 16. zur 20. Strasse genau eine halbe Meile ist. Verläuft die Strasse von Norden nach Süden, ist es eine Avenue. Verläuft sie von Osten nach Westen, ist es eine Street. Hausnummern nehmen immer von Osten nach Westen und von Süden nach Norden zu. Jeder Block ein 100er-Schritt. Ungerade Hausnummern sind immer auf der Süd- oder Ostseite, die geraden entsprechend auf der Nord- oder Westseite. Die zwei wichtigsten Strassen sind die Central Ave und die Washington Street. Das sind die “Nuller” und deren Kreuzung ist das Stadtzentrum. Entsprechend der Position relativ zu diesem Zentrum haben die Strassen dann noch die Himmelsrichtung vorne dran. Oft wird noch eine weitere Himmelsrichtung am Ende für die relative Position zur anderen Achse hinzugefügt. Die frei erfundene Adresse “322 N 7th Ave E” liegt also eine 7/8 Meile nördlich des Stadtzentrums im dritten Block der Strasse in östlicher Richtung. Jedenfalls so ungefähr und meistens, denn natürlich hat es auch Ausnahmen und regionale Besonderheiten.

So etwas geht mir heute stundenlang durch den Kopf. Der möchte auch etwas tun und ist neidisch auf meine Beine, die gemeinsam im Gleichtakt ihre Arbeit verrichten. Sie haben eine Aufgabe. Mein Kopf muss sich eine suchen. Das hat er anscheinend getan, als er durch das Schild an der Kreuzung der 200 W und 200 N getriggert wurde. Das passiert, wenn man ganz alleine wochenlang und später sogar monatelang unterwegs ist. Was mir zukünftig noch alles durch den Kopf gehen wird? Hoffentlich nur Gedanken!

Auf jeden Fall folge ich immer weiter dem amerikanischen Strassennetz mit seinen rechtwinkelig angelegten Strassen. Da ich sowohl nach Norden als auch nach Westen muss, also nach Nordwesten, heisst das abwechselnd Strassen nach Norden und Strassen nach Westen nehmen. Mal biege ich links ab, mal rechts. So arbeite ich mich in Richtung meines Tagesziels vor. Alle Strassen, auf denen ich heute unterwegs bin, sind kaum befahren. Manchmal sehe ich eine ganze Stunde lang kein anderes Fahrzeug.

Nach fast 40 km passiere ich die Kleinstadt Monterey. Aber hier gibt es nichts zu sehen und anscheinend auch keine Geschäfte. Ich hätte mir gerne eine Kleinigkeit als Leckerchen gekauft, obwohl ich eigentlich genug dabei habe. Aber etwas kleines für die Seele wäre schon toll gewesen. Das einzig anmerkenswerte ist eine Familie, die auf einem Golf-Cart durch die Stadt fährt. Immerhin standesgemäss mit Benzinmotor. Das ist überhaupt das einzige Fahrzeug, dass mir in Monterey begegnet. Ansonsten scheint die Stadt wie ausgestorben zu sein.

Vielleicht flüchten die Einwohner vor der Hitze? Es sind genau 30 °C geworden. Nicht sehr heiss, aber schon mehr als warm. Mir ist das egal, mit dem Fahrtwind ist das auszuhalten und wenn ich anhalten möchte, suche ich mir ein schattiges Plätzchen. So lässt es sich gut aushalten.

Mitten im Nirgendwo stosse ich auf einen Trail. Den Erie Trail. Er beginnt nahe der Kreuzung der S 450 E und E 800 S. Na, wo mag das wohl sein? Der asphaltierte Trail ist nur für Wanderer, Radfahrer und Reiter und führt bis nach North Judson. Daher ist er auch teilweise als North Judson Erie Trail angeschrieben, manchmal nur als Erie Trail. Ist mir auch egal, denn er führt nach Nordwesten. Genau meine Richtung. Ohne Zickzack. Leider nur 13 km. Aber für mich erstmal perfekt, denn als ich dann in North Judson ankomme, habe ich grossen Hunger. Ich verlasse den Trail und auch meine geplante Route und folge einer grösseren Strasse in eine Richtung, in der ich das Zentrum vermute. Ich habe Glück. Es ist nicht das Zentrum, aber nach 800 m erreiche ich einen typischen amerikanischen Diner und gönne mir dort einen Hamburger, ein Dr. Pepper und hinterher als Dessert noch ein Eis. Das hat gut getan!

Gestärkt fahre ich die 800 m zu meiner geplanten Route zurück und dann geht es – oh Wunder – auf einer diagonal führenden Strasse weiter nach Nordwesten. Sie verläuft parallel zu einer Eisenbahnlinie. Dabei passiere ich etwas, dass als Eisenbahnmuseum angeschrieben ist. Aber soweit ich sehen kann, sind das nur wahllos zusammengestelle Loks und Güterwagen, die im Freien auf Abstellgleisen verrotten. Das finde ich so etwas von schade! Leider ist die Strasse nach drei Kilometern zu Ende und ich muss meinen Zickzack-Kurs auf Strassen nach Norden und Westen fortsetzen.

So geht es weiter, bis ich nach 119 km nach Süden abbiegen muss. Nach Süden? Ja, in dieser Gegend sind Hotels und Motels eher rar gesäht. Ich muss drei Kilometer nach Süden, dort gibt es an der Interstate-Ausfahrt eine kleine Siedlung mit dem lustigen Namen Dinwiddie und zwei oder drei Motels. Die drei Kilometer muss ich morgen wieder zurück, aber sechs Kilometer Umweg sind noch gut zu verschmerzen. Dafür habe ich ein bequemes Bett. Es war heute ein langer Tag und ich bin froh, dass ich morgen nicht mehr so viele Kilometer bis Chicago habe.

🕑 Ø
5:44 121 km 21.1 km/h 330 m 360 m

Dein
Marcus

Geschrieben am August 30, 2019