USA 2019 Tag 13 von Richmond nach Indianapolis

Es regnet. Und es windet. Die heutige Etappe wäre auch bei gutem Wetter schon sehr lang und anstrengend. Über 100 km habe ich bis zu meinem Airbnb in Indianapolis, davon knapp 80 km auf dem vierspurigen Highway. Nun also bei Regen und Gegenwind. Ich lasse mir Zeit beim Packen und als ich um kurz nach zehn Uhr losfahre, hat es aufgehört zu regnen. Wie lange wird sich das Wetter halten?

Mein Motel liegt am Stadtrand von Richmond. Ich muss erst durch ganz Richmond durchfahren. Dann soll es auf den vierspurigen Highway gehen. Das mache ich auch, allerdings nur für einen Kilometer. Es ist mir gelungen, eine parallele Strasse zu finden. Allerdings haben Parallelstrassen auf dem Lande hier ganz andere Abstände als in Europa. Dazu kommt, dass der Flatrock River überquert werden muss und einige Strassen enden direkt am Fluss. Nicht jede hat eine Brücke. Eine kleine, kaum befahrene Strasse, mit Brücke über den Fluss und parallel zum Highway befindet sich etwa 10 km weiter südlich. Diese muss ich am Ende auch wieder nach Norden fahren. Also 20 Zusatzkilometer. Aber dafür nicht 80 km bei schlechter Sicht dank Regen am vierspurigen Highway entlang, sondern nur einen. Hört sich nach einem Deal an.

Also mache ich mich auf nach Süden. Im Zickzack über verschiedene Strassen. Nach knapp 30 km mache ich in Milton einen ersten Stopp, denn ich hatte noch kein Frühstück. Die Entscheidung kam kurzfristig, da ich zufällig direkt am Track einen überdachten Picknickplatz entdeckt habe. Bei Regen eine super Sache! Ich nehme mir viel Zeit und geniesse die Pause, fast 40 Minuten. Ich bin mir ziemlich sicher, dass ich so eine Gelegenheit heute nicht mehr erhalten werde.

Nach etwa zweieinhalb Stunden erreiche ich die von mir ausgesuchte Parallelstrasse. Diese werde ich jetzt 70 km entlang fahren müssen. Nach Westen, immer geradeaus, wie mit dem Lineal gezogen. Bei Regen und Wind. Das Wetter muss man nehmen, wie es kommt. Da habe ich kein Problem mit. Mir war schon von Anfang an klar, dass ich nicht volle drei Monate perfektes Bike-Wetter haben werde.

Das, was anstrengend ist, ist die Länge der Strasse und dass es keine Kurven hat. Das kommt mir vor, als würde ich nicht vorwärts kommen. Es gibt hier auch kaum etwas, an dem ich mich orientieren kann. Felder rechts, Felder links. Meistens Mais. Nur selten etwas anderes. Also konzentriere ich mich auf meine Geschwindigkeit. Die Digitalanzeige ist mein einziger Indikator für mein Vorwärtskommen. Ich powere etwas und nutze die 70 km einsame, gut asphaltierte und schnugerade Strasse, um an meiner Kondition zu arbeiten.

Kurz vor Raleigh, einer kleinen Ortschaft an der Strasse, stehen die Ruinen einer alten Schule. Wer mag hier nur zur Schule gegangen sein? Hier ist doch weit und breit nichts als Felder, Felder und nochmals Felder. Kurz nach Raleigh kommt dann der Flatrock River. Ein kleines Rinnsal. Aber auf einer sonst eintönigen Strecke bin ich dankbar für jede Abwechslung. Dann geht es wieder weiter. In die immer gleiche Richtung.

Nach insgesamt ziemlich genau 100 km habe ich das Ende der Strasse und damit auch die ersten Aussenbezirke von Indianapolis erreicht. Der Regen hört auf und es lässt sich nun auch die Sonne blicken. Dann darf ich sogar noch Trails fahren. Den kompletten Pennsy Trail. Der ist insgesamt zwar nur 3 km lang, aber immerhin. Weitere 3 km folgen auf dem Pleasant Run Trail. Dann noch ein paar Strassen durch das Wohngebiet und ich habe mein Airbnb für die nächsten zwei Nächte erreicht.

Rein körperlich war der heutige Tag nicht besonders anspruchsvoll. Er war lang, viele Kilometer, aber keine nennenswerte Steigungen und sehr gut zu fahren. Psychisch gesehen war der Tag eine grosse Herausforderung. Regen und Gegenwind in Kombination mit einer nicht enden wollenden Strasse. Das braucht Durchhaltewillen. Ich bin sehr froh, jetzt mein Airbnb erreicht zu haben und freue mich sehr auf meinen morgigen Ruhetag!

🕑 Ø
5:21 123 km 23.1 km/h 550 m 660 m

Dein
Marcus

Geschrieben am August 26, 2019