USA 2019 Tag 12 von Xenia nach Richmond

Die Wettervorhersage verspricht für heute wieder viel Sonne. Es wird wieder heiss werden. Gut 100 km habe ich mir für heute vorgenommen, über 30 davon durch den Grossraum einer Stadt. Nennenswerte Steigungen wird nicht geben, aber es wird sicher trotzdem erneut eine Herausforderung an Psyche und Körper. Im der Absteige, in der ich die vergangene Nacht verbracht habe, hält mich nichts. So starte ich für meine Verhältnisse früh um 09:20 Uhr auf meine heutige Etappe.

Nach dem obligatorischen morgendlichen Stopp nur 300 m vom Motel entfernt an der Tankstelle zum Auffüllen meiner Vorräte für den Tag mache ich mich auf den Weg zum Creekside Trail. Nach weniger als einem Kilometer bin ich schon drauf, schaffe aber keine hundert Meter! Dann liegt direkt am Trail ein McDonalds. Dort gönne ich mir ein Frühstück. Zum Mitnehmen. Ein Brötchen mit gebratener Wurst und Spiegelei. Dazu frittierte Kartoffeln, ähnlich einem Kartoffelpuffer und Orangensaft. Damit schwinge ich mich wieder auf mein Rad und halte nun auf dem Trail die Augen auf nach einer schönen Sitzgelegenheit.

Gefühlt vergeht eine halbe Ewigkeit, denn nun habe ich wirklich Hunger. In der Realität mögen es vielleicht zwei oder drei Kilometer gewesen sein. Dann finde ich direkt am Rand des Trails eine Sitzbank im Schatten, auf der ich es mir gemütlich mache und in aller Seelenruhe mein Fast-Food-Frühstück einnehme. Das Brötchen mit der gebratenen Wurst und dem Spiegelei ist mit Zimt und Zucker versehen. Viel zu süss. Passt überhaupt nicht zu Wurst und Spiegelei. Aber davon abgesehen ganz okay. Die Kartoffelpufferkopie schmeckt sogar nach Kartoffeln und kaum nach Fett, obwohl frittiert. Der Orangensaft ist super. Ich bin zufrieden!

Leider hat es hier keinen Abfalleimer. Öffentliche Abfalleimer sind in den USA Mangelware. Das ist vielleicht auch einer der Gründe für die sagenhafte Umweltverschmutzung hier in den Staaten. Ich habe in noch keinem Land, dass ich bereist habe, so viel Dreck, Unrat und Müll am Strassenrand gesehen. Egal wann, egal wo und egal was, es wird einfach aus dem fahrenden Auto geworfen. Von Getränkebechern über Hausmüll bis hin zu Matratzen, Möbeln und Elektronikschrott. Sogar Ölkanister finden sich hier zuhauf. Einfach in die Natur geworfen. Wenn dann alle paar Wochen der Seitenstreifen gemäht wird, räumt der Fahrer das nicht etwa weg, sondern fährt einfach drüber und die Mähmaschine zerheckselt das Meiste.

Aber man kann dafür bezahlen, dass jemand kommt und den Müll wieder einsammelt. Das nennt sich “Adopt A Highway”. Dann bezahlt man Geld an eine Organisation. Die stellt dann ein Schild auf, wer für die nächste Meile bezahlt hat (statt des Namens kann man auch etwas anderes angeben) und macht sauber. Mehr oder weniger. Meistens kann ich davon wenig bis nichts erkennen und es sieht genauso verdreckt aus, wie überall sonst. Bis auf das Schild, dass dann da herum steht: “Litter Removal Next 1 Mile In Loving Memory Our Sister Barbara Fletcher”.

Ich kümmere mich um meinen Abfall. Es ist nicht viel, aber auch das bisschen verstaue ich und nehme es mit, bis ich es unterwegs an einer Tankstelle oder abends im Motel korrekt entsorgen kann. Das mache ich jetzt auch mit dem Papierzeug vom McDonalds Frühstück. Ich überlege, ob ich auch eine Meile Highway adoptieren soll. Dann würde ich als Name “Mach deinen Dreck gefälligst selbst weg” wählen. Oder, viele Amerikaner sind sehr gläubig, so etwas wie: “Wer Müll in die Natur wirft, brennt unter ewigen Qualen in der Hölle”. Die Preise liegen zwischen $200 und $600 pro Monat und Meile, je nach Strassentyp. Nein, danke.

Gerade mal fünf Kilometer bin ich unterwegs, da komme ich einen grossen Trubel. Menschenmassen ohne Ende und ohrenbetäubender Motorenlärm. Der Creekside Trail führt direkt am Kil-Kare Speedway, Kil-Kare Raceway und Kil-Kare Dragway vorbei. Ich muss unwillkürlich an Daytona Beach mit seinen Rennstrecken denken. Aber die nächste Stadt heisst nicht Daytona, sondern Dayton und einen Strand hat es hier schon mal gar nicht. Für mich ist das zu viel Trubel und zu laut. Ich beeile mich, dass ich vorbei komme.

Nach gut 13 Kilometern, am äusseren Stadtrand von Dayton, steht ein 9/11 Denkmal. Die haben ein Trümmerstück des World Trade Center hierher gekarrt und es an einer Kreuzung von Trail und Landstrasse aufgebaut. Irgendwie schräg. Es wirkt hier fehl am Platz. Ich bin auch der Einzige, der anhält, es sich anschaut und Fotos macht. Alle anderen, die auf dem Trail unterwegs sind, rauschen vorbei. Die Autofahrenden sowieso. Wenn ich mir jetzt, beim Schreiben am Abend, nicht nochmals meine Fotos von heute angeschaut hätte, hätte ich nicht mehr an dieses Gebilde gedacht. Aber an den Dreck habe ich gedacht. Sogar ohne Fotos. Der kommt mir mittlerweile als erstes in den Sinn, wenn mich hier jemand fragt, wie es sich auf amerikanischen Strassen fährt.

Das Stadtzentrum von Dayton kann ich bis auf eine Ausnahme ganz elegant umfahren. Der Creekside Trail macht einen Knick nach Norden, bis er auf den Mad River trifft. Dort geht es dann auf dem Mad River Recreation Trail am Fluss entlang nach Westen. Der Mad River mündet dann in den Great Miami River. Etwa hier beginnt das Stadtzentrum. Der Trail führt nun am Great Miami River weiter, ist aber für Fahrradfahrer gesperrt. Nur Fussgänger dürfen dort flanieren. Eine Umleitung ist ausgeschildert und ich bin für die Umleitung sogar dankbar, denn sie führt über eine gesperrte Strasse, auf der heute ein Autotreffen stattfindet. Oldtimer und Muscle Cars. Eine kleine Überraschund auf meiner Reise und nett anzusehen. Dort ist für einen Sonntag erstaunlich wenig los, was wahrscheinlich an der mittlerweile grossen Hitze und dem hier nicht vorhandenen Schatten liegen dürfte. Ich mache auch, dass ich weiter komme. Am Fluss und mit Fahrtwind ist es deutlich angenehmer.

Die Umleitung ist nur etwa einen Kilometer, dann bin ich wieder auf dem Trail am Fluss. Der macht hier eine 120-Grad-Biegung rund um Downtown Dayton, der ich folgen muss. Dann wechsel ich auf die andere Flusseite, auf der es ein kleines Stückchen zurück geht bis zur Mündung des Wolf Creek. Der Wolf Creek Trail ist leider nur wenige hundert Meter lang und ab hier geht es auf der Strasse weiter. Eine breite, vierspurige Strasse. Mit ziemlich wenig Verkehr. Aber einer Betonoberfläche, die die Sonne sehr gut reflektiert. So werde ich nun auch von unten braun. Und meine Reifen machen auf den Betonplatten rhythmisch tak-tak, tak-tak, tak-tak.

An einer Kreuzung, an der ich eigentlich links abbiegen sollte, sehe ich geradeaus eine Tankstelle. Das bedeutet kalte Getränke und ein schattiges Plätzchen für eine kleine Pause. Ich gönne mir nicht nur ein eiskaltes Süssgetränk, ich fülle auch meinen Wasservorrat auf und verwöhne mich mit einem Eis. Beim Drive-Thru ist eine kleine Mauer, die im Schatten liegt. Die nutze ich als Sitzplatz. Denn Sitzplätze gibt es hier sonst nicht. Die fahren die Amerikaner mit sich herum. Die brauchen keine öffentlichen Sitzplätze. Der Mitarbeiter am Drive-Thru bemerkt mich. Ich glaube, er ist ursprünglich Inder oder Pakistani. Vom Aussehen her und vom Akzent. Wir unterhalten uns ein bisschen. Wo ich herkomme, wo ich hinfahre. Dann kommt wieder eine Kolonne Pickups durch das Drive-Thru und er hat zu tun. Ich auch, mein Eis schmilzt schneller als ich es schlecken kann. Es ist heiss, auch im Schatten. Hatte ich das heute schon erwähnt?

Dann muss ich weiter. Auf der heissen, betonierten Strasse. Insgesamt elf Kilometer. Dann stehe ich wieder auf einem Trail. Es ist der Wolf Creek Trail. Der, auf dem ich in Dayton schon mal war. Dem fehlen in der Mitte einfach ein paar Kilometer. Die wurden (noch) nicht gebaut. Aber hier, in Trotwood, geht es nun auf dem Wolf Creek Trail weiter. Genau nach Nordwesten. Nicht am Wolf Creek entlang, sondern immer weiter weg vom Fluss auf der gleichnamigen, ehemaligen Bahntrasse. Ihr kennt das Spiel: Lang, gerade, nur leicht ansteigend.

Nach 55 Kilometern führt der Trail durch Brookville hindurch. Ich mag es, dass der Track hindurch führt und nicht wie bei so vielen anderen Orten auf der einen Seite aufhört und man bis zur anderen Seite durch die ganze Stadt fahren muss. Der Trail ist in perfektem Zustand und es hat hier einige nett hergerichtete Sehenswürdigkeiten wie den alten Bahnhof und einige Waggons. Als der Trail die Hauptstrasse kreuzt, mus ich für ein Foto anhalten. Auf mich wirkt sie wie eine über die Zeit hinweg modernisierte Version einer Westernstadt. Hübsch. Gefällt mir.

Gerade aus Brookville heraus, muss ich den tollen Trail leider wieder verlassen. Er macht einen Knick weiter nach Norden und hört dann nach wenigen Kilometern auf. Ich muss nun weiter nach Westen. Auf einer zum Glück nur sehr wenig befahrenen Strasse. Oft kommt minutenlang kein Auto. Wie so viele Strassen in Nordamerika führt sie exakt in eine Himmelsrichtung. Nach Westen. Oder zwei Himmelsrichtungen. Wenn ich wende, führt sie nach Osten. Da komme ich her. Man könnte hier an den Strassen seinen Kompass kalibrieren. In meinem GPS steckt ein elektronischer Kompass drin. Aber mein GPS sagt mir gerade, ich soll weiterfahren. Weiter nach Westen. Noch etwa 45 Kilometer.

Das mache ich dann auch. Durch Lewisburg hindurch, ein nettes kleines Dorf. Dann über eine alte Brücke. Nicht nur für amerikanische Verhältnisse alt. Wirklich alt. Vielleicht nicht so alt, wie viele Brücken in Europa. Aber trotzdem alt. Erbaut 1894. Aus Holz. Steht immer noch. Sogar für Trucks bis 24 Tonnen freigegeben. Sie heisst “Greeting Bridge” und ist überdacht. Das spendet etwas Schatten. Ich mache eine kurze Trinkpause auf ihr. Dann geht es weiter. Immer weiter und weiter. Getreu meinem Motto: “Keep Going”

Als ich Richmond erreiche, bin ich sehr froh. Erst war ich mir nicht sicher, ob ich halluziniere. Denn da steht wirklich ein Weihnachsbaum an der Strasse. Naja, fast. Für mich sieht er aus, wie ein Weihnachtsbaum. Eine Tanne, geschmückt mit silbernen Girlanden, gold-roten Herzchen und amerikanischen Flaggen. Voll kitschig. Aber passt irgendwie zu diesem Land. Und das meine ich nicht negativ!

Zwei Kilometer weiter erreiche ich mein Motel. Noch vor der Dusche sauge ich ein Mountain Dew in mich auf. Nach der Dusche gehe ich noch raus, nur ein kleines Stückchen weiter hat es eine Burgerbraterei. Ein Arby’s. Noch nie von gehört, noch nie gesehen, ist aber auch eine Kette. Der Burger war ziemlich mies. Auf meiner weiteren Reise werde ich Arby’s zukünftig meiden. Bei Burgern bin ich kritisch. Und bei Burgern im Lande der Burger erst noch extra kritisch.

Ich habe heute einiges geschafft und bin mit meiner Leistung sehr zufrieden. Morgen geht es nach Indianapolis, wo ich meinen zweiten Ruhetag auf dieser Reise einlegen werde. Dafür buche ich jetzt noch ein fahrradfreundliches Airbnb, denn die Hotels haben mir vom Preis her nicht so zugesagt. Die fand ich zu teuer.

🕑 Ø
4:24 106 km 24.0 km/h 490 m 460 m

Dein
Marcus

Geschrieben am August 25, 2019