USA 2019 Tag 10 von Zanesville nach Columbus

Ich habe geschlafen wie ein Stein. Kein Wunder, nach dem gestrigen Tag. Trotzdem schaffe ich es zeitig aus dem Bett und bin heute schon nach einem rudimentären Frühstück um kurz nach halb zehn unterwegs. Das muss ich auch, denn der heutige Tag wird sicher nicht so lang wie der gestrige, aber mit immerhin etwa 120 Kilometern trotzdem alles andere als kurz.

Knapp zwei Minuten unterwegs lege ich bereits den ersten Stop ein. Eine Tankstelle direkt an der Route. Das muss ich ausnutzen und meine Wasservorräte aufstocken. Ein Mountain Dew findet in der Geschmacksrichtung “Voltage” auch noch den Weg in meine Tasche. Als kurzfristiger Energielieferant und für den seelischen Aufbau.

Aus Zanesville heraus geht es erstmal entlang der Hauptstrasse. Die ist nicht besonders stark befahren und hinter der Stadt hat sie einen breiten Seitenstreifen, auf dem sich gut fahren lässt. So komme ich trotz meiner immer noch müden Beine sehr gut voran. Etwas weiter, ich bin etwa seit einer Stunde unterwegs, muss ich schmunzeln. Ein amerikanisches Stone Henge. So heisst hier ein Wohngebiet nordwestlich von Zanesville. Wenn man so langsam unterwegs ist, wie ich, dann sieht man nicht nur viel sondern denkt darüber auch noch viel nach. Falls ich in einem Auto den hübsch gemachten Hinweis auf Stone Henge überhaupt gesehen hätte, hätte ich ihn nach einer Sekunde wahrscheinlich schon wieder vergessen. Auf dem Fahrrad muss man sich seine Zeit vertreiben. Das macht mein Kopf mittlerweile ganz von alleine…

Am Amfang heisst die Hauptstrasse Underwood Street, dann wird sie zur Adair Avenue, zur Newark Road und schliesslich zur Nashport Road, als die sie nach ca. 30 km endet. Am Strassenrand entdecke ich mehr oder weniger vollständige alte Bohrtürme und Förderanlagen für Erdöl. In Betrieb sind sie nicht mehr. Die meisten sind verfallen. Ich denke darüber nach, ob die Vorkommen hier erschöpft sind oder ob es sich einfach nicht mehr lohnt und der Import viel billiger ist. Mir ist klar, dass ich mir diese Frage nicht selbst beantworten kann. Aber wie war das noch gleich mit dem Nachdenken?

Schon gestern hatte ich vereinzelt ein Knacken und Knarzen beim Hinterrad wahrgenommen. Jetzt intensiviert sich das Geräusch und kommt öfter vor. Teilweise spüre ich jetzt auch ein Ruckeln an den Pedalen, das von der Kette kommt. Wenn ich aufhöre zu treten, scheint die Kette weiterdrehen zu wollen. Das lässt nur einen Schluss zu: Da ist etwas mit dem Freilauf nicht in Ordnung! Eine kurze Recherche im grossen Netzwerk des Wissens brachte ziemlich die Ernüchterung, dass der nächste Fahrradladen in Columbus ist. Nicht weiter schlimm, ich kann noch fahren und Columbus ist heute sowieso mein Ziel. Ich werde es nur nicht mehr rechtzeitig zu den Öffnungszeiten schaffen, aber morgen ist Samstag und da haben die Geschäfte geöffnet. Dann muss ich das am Morgen untersuchen lassen. Grosse Sorgen mache ich mir nicht, der Freilauf funktioniert noch. Er hat jetzt Macken, aber er funktioniert.

Nachdem die Hauptstrasse endet, lande ich wieder auf dem Panhandle Trail. Leider hätte ich auf diesem nicht die Tortour von gestern umfahren können, da der Trail nicht durchgängig ist. Aber ich freue mich, jetzt wieder auf dem Panhandle Trail zu sein, denn das bedeutet nur sehr geringe Steigung und ich kann getrennt von Autos und Trucks fahren. Wie üblich geht der Trail meistens sehr geradeaus. Aber nach 13 km, nahe dem Zentrum von Newark, ist schon Schluss. Durch das Zentrum durch lässt es sich recht gut fahren, hier ist nur sehr wenig Verkehr. Nach dem Zentrum geht es dann, etwas versteckt hinter einem Parkplatz, wieder auf einem namenlosen Trail entlang des Raccoon Creek weiter. Nach ein paar Kilometern merke ich, dass es ein Verbindungstrail ist, denn er mündet auf den Thomas J. Evans Trail.

Der Thomas J. Evans Trail ist wieder eine alte Bahnlinie mit den bekannten Vorzügen und Nachteilen. Nach dem gestrigen Tag gewinnt für mich der Vorzug der nur sehr leichten Steigungen haushoch gegen die Nachteile. Beide Trails zusammen kommen auf etwa 30 km, dann muss ich auf die Strasse, denn der Thomas J. Evans Trail biegt nach Nordwesten nach Johnstown ab, ich aber muss weiter nach Westen. Zuerst auf einem zweispurigen Highway mit Seitenstreifen, das ging ganz gut, dann auf kleinen Vorstadtsträsschen, das ging noch besser.

Ehe ich mich versah, landete ich einem wunderschönen Park mit Stausee und Staudamm mit toller Aussicht. Das ist der Hoover Dam im Hoover Dam Park. Nicht zu verwechseln mit dem Hoover Dam im Colorado River. Dieser hier staut nur den Big Walnut Creek auf. Weiter geht es mal auf kleineren, mal auf grösseren Strassen bis zum Olentangy River. Der durchfliesst Columbus von Nord nach Süd, bis er neben dem Zentrum in den Scioto River mündet. Heute muss ich aber nicht so weit.

Dennoch muss ich jetzt gut sieben Kilometer weiter in Richtung des Zentrums von Columbus vorstossen. Wieder Erwarten geht das super einfach und traumhaft schön auf dem Olentangy Trail entlang des Olentangy River durch eine tolle Parklandschaft. Autos und der typische Grossstadtlärm sind weit weg. Kurz vor meinem Motel muss ich den Trail verlassen und noch etwa zwei Kilometer Strasse fahren. Zum Glück mit wenig Verkehr. Dann habe ich es mal wieder geschafft. Viel einfacher und schneller, als ich es mir vorgestellt hatte. Alles in allem ein super Tag, wenn das Knarzen meines Freilaufs nicht wäre. Aber um das kümmere ich mich morgen!

Nach dem Duschen bestelle ich mir wieder etwas mit Uber Eats, denn in der Nähe des Hotels gibt es nichts, was mich anmacht. Indisches Curry. Und ein Lassi. Das kommt auch, mit der Lieferung klappt alles super. Aber es hat kein Besteck dabei. Wie soll ich ohne Löffel Curry essen? Zudem kommt der Reis in einer Schachtel, die bis oben damit voll ist und der Curry in einer Schachtel, die bis oben damit voll ist. Keine Chance, Curry und Reis zusammen zu bringen. Als wäre das die erste Ausser-Haus-Bestellung des Restaurants gewesen! Das Hotel kann mir auch nicht dienen, denn das “Frühstück” besteht nur aus Kaffee und Tee. Aus dem Bestand der Mitarbeiter aus dem Pausenraum hatte der Rezeptionist immerhin einen Pappteller für mich. Schon mal etwas.

Ich spiele McGyver und mit meinem Schweizer Messer bastel ich mir unter Ausnutzung der Rundung aus einem Becher einen Löffel. Nun kann ich mein Curry auf dem Teller mit dem Reis verheiraten und der Löffel funktioniert auch sehr annehmbar. Geschmacklich war es topp und auch das Lassi hat mir sehr gut geschmeckt. Bevor ich mich ins Bett begebe, recherchiere ich noch einen Fahrradladen für morgen und passe meine Routenplanung entsprechend an. Dann bin ich fertig für das Land der Träume.

🕑 Ø
5:45 121 km 21.0 km/h 990 m 1’000 m

Dein
Marcus

Geschrieben am August 23, 2019