USA 2019 Tag 9 von Wheeling nach Zanesville

Der heutige Tag wird heftig. Das steht schon von Beginn an fest. Er war mit gut 130 Kilometern bereits sehr lang geplant und nun kommen durch die Hoteländerung gestern noch einige Zusatzkilometer oben drauf. Da es am Ohio River auf der Seite im Staate Ohio keine zweite Strasse gibt, hätte ich dort auf der Interstate fahren müssen. Das war mir zu gefährlich und so habe ich eine Alternativroute geplant. Die ist zwar in etwa gleich lang, hat aber deutlich mehr Höhenmeter. Auweia!

Immerhin hat mein Hotel ein sehr rudimentäres Frühstück. Toastbrot mit rötlich gefärbtem Zucker (sie nennen es Marmelade), dazu ein Fruchtjoghurt und Orangensaft. Geht so. Besser als nichts. Durch das Frühstück verliere ich etwas Zeit, da ich dazu meine normale Kleidung anlege und mich danach nochmal umziehen muss. So starte ich dann um 09:45 Uhr bei teilweise bedecktem Himmel in den heutigen Tag.

Zuerst geht es die gleiche Strecke auf dem Greater Wheeling Trail von gestern abend wieder zurück nach Wheeling in die Stadt. Dort überquere ich den Ohio River auf einer Autobrücke mit Gitterboden. Meine Reifen sind nur ein kleines Stück breiter als das Gitter. Die Amis haben den Deutschen definitiv den Titel “Autofahrernation” schon lange abgenommen. Ein ziemlich merkwürdiges, sehr schwammiges und schlitterndes Fargefühl. Ich war sehr erleichtert, als ich die Brücke hinter mir lassen konnte. Aber ich war erst auf einer grossen Insel im Fluss und dachte schon an die zweite Brücke, über die ich gleich fahren muss. Aber die war dann super asphaltiert und ich hatte keine Probleme.

Auf der National Road West 40 ging es dann aus der Stadt heraus. Mehrfach wurde darauf hingewiesen, dass es sich um eine historische Strasse handelt. Zu sehen war davon nichts. Eine moderne Strasse, wie überall in den USA (modern = die Schlaglöcher sind nicht Jahrzehnte, sondern nur wenige Jahre alt). Fast 20 Kilometer kann ich relativ gemütlich auf der sehr stark befahrenen Strasse dahincruisen. Dann kommt die erste heftige Steigung, satte 13 % auf drei Kilometer. Uff!

Viel zu sehen gibt es hier nicht. Die Strasse ist von Bäumen gesäumt, so dass ich nicht weit schauen kann und auf dieser Strasse konzentriere ich mich lieber auf den Verkehr. Immer ein Auge im Rückspiegel. Trotz des teilweise bedeckten Himmels steigt die Temperatur erst auf 29 °C, später dann sogar noch auf 32 °C. Ich möchte nicht daran denken, wie heiss es bei blauem Himmel geworden wäre.

Nach der ersten heftigen Steigung geht es in stetem auf und ab weiter. Nicht so heftig, wie der erste Anstieg. Zum Glück. Als ich nach etwa 30 Kilometern von der Nationalstrasse abbiege und mich nach Süden umorientiere, um wieder auf meine ursprünglich geplante Route zu treffen, intensiviert sich das auf und ab noch. Jetzt sind es meist Steigungen von um die zehn Prozent. Etwa zehn Kilometer geht es so. Ich habe mit den Steigungen sehr zu kämpfen, mein Rad wiegt mit dem ganzen Gepäck gefühlt sicher eine Tonne. Dann erreiche ich meine ursprünglich geplante bzw. die von der Adventure Cycling Association zur Verfügung gestellte Route. Jetzt wird es hoffentlich leichter.

Denkste. Ich bin auf der Belmont Warnock Road unterwegs, eine so genannte State Road. Deutlich mehr Verkehr, als auf der Nebenstrasse von gerade eben aber nicht so viel wie auf der Nationalstrasse. Aber viele Steigungen. Nicht mehr ganz so extrem, aber viele. Eine nach der anderen. Hoch und runter. Ohio begrüsst mich mit Hügeln, deren Strasser denen in der Schweiz alle Ehre gemacht hätten. Nicht so schön, nicht so gut asphaltiert, aber mindestens genauso steil.

Aber ich habe keine Wahl und mache vorwärts. Schliesslich habe ich mir das selbst eingebrockt, also muss ich es auch selbst auslöffeln. Nach Barnesville, etwa 60 Kilometer, geht es endlich mal ein längeres Stück bergab. Oder anders ausgedrück: Einen Kilometer. Immerhin! Aber das auf und ab geht trotzdem weiter. Nur etwas tiefer. Ein Wahnsinn. Wenn man sich zehn Minuten eine Steigung hinaufquält, dauert die anschliessende Abfahrt meist nur 30 Sekunden. Für den gleichen Höhenunterschied. Das ist unfair. Aber ich mache das Spiel mit.

Und als ob das noch nicht reichen würde, zieht sich der Himmel nun komplett zu und es beginnt zu regnen. Nicht durchgehend, aber immer wieder ein Schauer. Manche sind so kurz, dass ich sie unter einem Baum abwarte. Einige sind aber auch länger, und heftiger so dass ich dann meine Regenkleidung anlegen muss. So geht es eine ganze Weile. Dann scheint sich das Wetter zu halten und ich befestige meine Regenkleidung ein hoffentlich letztes Mal aussem am Gepäck, damit sie im Fahrtwind abtrocknen kann.

Erstaunlich weit kommt ich so voran. Etwa um die 130 Kilometer. Dann bin ich total am Ende. Dabei kommen jetzt auf den letzten Kilometern noch einige sehr heftige Anstiege mit 16 %! Die schaffe ich nicht mehr. Auch die nun folgenden Anstiege mit nur wenigen Prozent Steigung sind jetzt zuviel für mich. Kaum geht es aufwärts, steige ich nun ab und schiebe. Bin ich oben, steige ich auf und lasse rollen. Etwa auf Höhe des Flughafens (Wie landen die zwischen den Hügeln?) bin ich so alle, dass sich mein Kreislauf sehr deutlich meldet. Mit viel Wasser und einer (Oder waren es mehr?) Cliff-Bar kriege ich mich wieder soweit hin, dass ich weiter kann. So erreiche ich Zanesville.

Nach dem Checkin im Motel und der obligatorischen Dusche schaffe ich es wirklich noch, mich anzuziehen und rauszugehen. Der Hunger treibt mich an. Nicht weit vom Motel gibt es ein Wendy’s, das ist eine Burgerkette. Da bin ich vorhin dran vorbei gefahren und dort klatsche ich mir keinen Burger, nein, sondern einen grünen Salat mit frittiertem (wie sonst) Hühnchenfleisch ins Gesicht. Salat als Menü: Logisch, dass es in den USA frittierte Pommes dazu gibt! Zurück im Motel falle ich wie tot ins Bett.

Eigentlich ein ereignisloser Tag. Nichts besonderes gesehen, nichts besonderes erlebt. Aber viele Kilometer und Höhenmeter gemacht und alles an Kraft rausgehauen, was in mir steckt. Bis kurz vor dem Kollaps. Ich hatte schon viele Tage mit mehr Höhenmeter, aber nicht mit so heftigen Steigungen. Hier möchte ich nicht leben. Sonst würde ich letzten Endes noch zum Autofahrer mutieren…

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7:39 143 km 18.7 km/h 1’400 m 1’370 m

Dein
Marcus

Geschrieben am August 22, 2019