USA 2019 Tag 8 von Pittsburgh nach Wheeling

Bis ich alles gepackt hatte und auf meinem Rad sass, war es schon 09:30 Uhr. Aber das ist voll okay, ich habe mir für heute etwas weniger als 100 Kilometer vorgenommen und habe daher keinen Zeitdruck. Das Wetter ist klasse, die Strassen eher weniger. Wie in so vielen Städten in den USA sind die meisten Strassen heruntergekommen und voller Schlaglöcher, Rissen und gerne auch mal zehn Zentimeter tiefer liegenden Gullideckeln, weil dauernd drumherum geflickt wird. Das ist auch in Pittsburgh so. Mittels Schlagloch-Slalom folge ich den Anweisungen meines Fahrrad-Navis auf dem Weg aus der Stadt heraus.

Nach einer halben Stunde erreiche ich die West End Bridge über den hier noch sehr jungen Ohio River, der nur weniger hundert Meter flussaufwärts durch den Zusammenfluss des Allegheny River und Monongahela River entsteht. Den Ohio River werde ich auf meiner Reise noch ein zweites mal überqueren müssen, aber nicht mehr heute. Direkt nach der Brücke sehe ich schon den ersten grösseren Anstieg auf mich zukommen. Mal eben 120 Höhenmeter mit 5 % Steigung zum Frühstück.

So früh und gerade erst gestartet bin ich noch nicht richtig im Tritt und muss mich ganz ordentlich anstrengen. Dafür folgt dann eine Abfahrt von 100 Höhenmetern und letzten Endes hat eine halbe Stunde Plakerei gerade mal 20 Höhenmeter gebracht. So ist das Leben. Aber ich muss mir keine Sorgen machen, das waren mit Sicherheit nicht die letzten und garantiert auch nicht die schwierigsten Höhenmeter meiner Reise. Die kommen noch, darauf kann ich wetten!

Für die nächsten 30 Kilometer ist die Richtung erstmal klar: Nach oben! Aber relativ entspannt mit 1-2 %. Da schaffe ich es sogar, in einen Rhythmus zu kommen und finde meinen Tritt. Es sieht alles noch sehr städtisch aus, auch wenn es nicht mehr Pittsburgh selbst ist. Die Stadt und ihre Vorstädte gehen ineinander über. Dass ich Pittsburgh bereits verlassen habe und mich nun in Carnegie befinde, bemerke ich nur Zufällig an einer aufgestellten Werbung.

Ich benötige anderthalb Stunden für meine ersten 20 Kilometer. Bergauf, auch wenn es nicht sehr steil ist, ist durchaus anstrengend. Aber nach diesen genau 20 Kilometern kommt bei mir Freude auf, denn ich kann nun die recht stark befahrene Strasse bei Walkers Mill verlassen und ab hier für einige Zeit den Panhandle Trail fahren. Wieder mal eine ehemalige Bahnlinie, die zu einem sehr gut ausgebauten Fahrradweg umfunktioniert wurde. Viele Hinweisschilder und alle paar Kilometer gibt es auch Bänke. Die sind sonst sehr rar in den USA, denn die Amerikaner fahren gerne mit ihren eigenen (motorisierten) Bänken herum. Ganz toll finde ich, dass auch immer wieder mobile Toiletten gibt. Dieser Trail ist nicht asphaltiert sondern geschottert, aber nicht sehr grob und eher fein. Es rollt sich recht gut und ich freue mich nun darauf, die nächste Zeit mit wenig Steigung auf einem eigenen Weg ohne Autos gut voran zu kommen.

Nach nur fünf Kilometern, an einer Stelle, an der der Trail eine Strasse passiert, hört der Schotterweg auf und ab hier ist der Trail einwandfrei asphaltiert. Trotz der Bäume auf beiden Seiten des Trails kann ich keine Wurzelschäden ausmachen. Nun rollt es sich noch besser! Obwohl es bergauf geht und ich noch dazu mal wieder Gegenwind habe bei knapp 28 °C kann ich relativ flott fahren. Dank der Tatsache, dass es eine ehemalige Bahntrasse ist und Züge keine steilen Passagen hoch kommen, ist die Steigung hier eher mässig und gut zu fahren. Zum Glück. Denn es ist offensichtlich, dass beim Bau der Bahnlinie jede Menge Erdmassen bewegt werden mussten. Immer wieder fahre ich durch mal mehr, mal weniger tiefe Einschnitte. Wenn diese Einschnitte nicht für die Bahn gemacht worden wären, müsste ich jeden Hügel hier einzeln hochfahren.

Der Nachteil einer solchen Strecke ist die Eintönigkeit und die Ereignislosigkeit. Erst Recht, wenn es sich um einen Wochentag handelt und daher auf diesem Trail so gut wie niemand unterwegs ist. Während der fast drei Stunden auf dem Trail sehe ich nur zwei oder drei andere Menschen. Immerhin besser, als wenn es Sonntag wäre und ich auf dem Trail Slalom um die ganzen Familien fahren müsste. Nach den ersten Kilometern auf den stark befahrenen Strasse mag ich die Einsamkeit dieses Trails.

Ich bin nun gute vier Stunden unterwegs und jetzt fängt es an zu tröpfeln. Genau in dem Moment läutet jetzt auch noch mein Handy. Wie es der Zufall so will, komme ich gerade an einer Bank unter einem Baum vorbei. Passt doch! Der Baum schützt vor dem Regen und auf der Bank sitzend kann ich mir von der Hotels.com Hotline anhören, dass mein gebuchtes Hotel in Wheeling ein technisches Problem hat. Alle Klimaanlagen sind ausgefallen. Ich könnte trotzdem dort übernachten und würde dann einen Rabatt erhalten oder ich werde ohne Aufpreis auf ein anderes Hotel umgebucht. Es hätte noch freie Zimmer im Super 8, das läge nur wenige Meilen ausserhalb. Ohne Klimaanlage bei dieser Hitze und hohen Luftfeuchtigkeit? Wenn ich da nach der Tour dusche, bin ich Sekunden später wieder verschwitzt. Mir reicht es, den ganzen Tag über wie bekloppt zu schitzen. Am Abend möchte ich es gemütlich haben. Immerhin ist es mein Urlaub. Aber zusagen wollte ich noch nicht. Erst muss ich recherchieren, wie ich per Fahrrad zu dem Hotel komme und wie weit es insgesamt ist, ob ich das überhaupt schaffe. So vereinbare ich einen Rückruf in zehn Minuten.

Gemütlich unter dem Baum auf der Bank sitzend beginne ich meine Recherche. Ich finde das Hotel auf der Karte und kann auch einen Fahrradweg dorthin finden. Insgesamt ziemlich genau zehn Kilometer weiter. Das würde ich heute noch schaffen, denke ich. Allerdings liegt es entgegengesetzt meiner morgigen Route, die mit 133 Kilometern bereits sehr lang geplant ist. Das wären für morgen dann sogar 143 Kilometer, da ich die zehn Kilometer morgen wieder zurück muss. Heftig. Aber ich entscheide mich trotzdem für die Klimaanlage. Auch deswegen, weil ich weiss, dass es im Super 8 immer ein (rudimentäres, aber immerhin) Frühstück gibt. Das hätte ich im gebuchten Hotel nicht gehabt. Der Rückruf kommt nach 30 Minuten. Jetzt ist also umgebucht. Plus zehn Kilometer. Nun denn, los gehts! Immerhin hat, von mir unbemerkt, der kleine Regenschauer aufgehört und die Sonne brennt wieder, als wäre sie nicht unterbrochen worden.

Nach 59 Kilometern insgesamt, davon 39 Kilometer auf dem Panhandle Trail, muss ich ihn leider verlassen. Wenige Kilometer weiter wäre er sowieso zuende gewesen. Nun darf ich noch fast drei Kilometer nahezu ebene Strasse geniessen, dann biege ich auf eine kleine Nebenstrasse ab und die Tortour beginnt: Auf den nächsten drei bis vier Kilometern geht wahnsinnig steil bergauf! Und wenn ich wahnsinnig steil sage, dann meine ich es auch: 19 % Steigung! Was für eine Quälerei mit meinem schwer bepackten Fahrrad! Manchmal schaffe ich 100 Meter, manchmal auch nur 30, dann bleibe ich entkräftet stehen und sauge an meiner Wasserflasche wie verrückt. Zum Glück habe ich genug Wasser dabei! Ich kann förmlich zuschauen, wie das Wasser durch meinen Mund meinen Körper betritt, um nur weniger Sekunden später wieder auf der Haut zu erscheinen und sich als Dunst zu verflüchtigen. Der Gotthardpass im Juni war zwar zehn mal höher aber auch zehn mal einfacher!

Für diese Tour habe ich ein Motto: Keep Going! Also gebe ich natürlich nicht auf sondern kämpfe mich Meter um Meter hinauf und irgendwann, nach einer gefühlten Ewigkeit, habe ich es dann auch geschafft. Für etwa fünf Kilometer bleibe ich in etwa auf der gleichen Höhe, dann folgt eine rasante Abfahrt. Dabei schiesse ich erst an einer Abzweigung, die ich nehmen muss vorbei aber mein Garmin meldet sich sofort mit wildem Gepiepse und nur hundert Meter später kann ich wenden und weiter geht es mit teilweise über 60 km/h bergab. Leider ist der Spass der Abfahrt verglichen mit der Quälerei des Hochkurbelns nur extrem kurz.

Am Ende der Abfahrt lande ich Follansbee am Ohio River. Moment mal, der Ohio? Der fliesst sicher nicht solche steilen Berge hoch! Wäre ich besser dem Fluss gefolgt? Ich schaue nach und sehe schnell, dass der einen sehr weiten Bogen nach Norden macht und ich hätte dann mehr als doppelt so weit fahren müssen. Also gut, war die Plakerei doch nicht umsonst. Immerhin habe ich jetzt alle relevanten Steigungen hinter mir und die letzten gut 42 Kilometer sind flach. Über Wellsburg und Windsor Heights geht es auf einem eigenen Fahrradweg zwischen Fluss und Highway den ganzen Weg bis nach Wheeling. Laut Schild war ein Teil des Weges gesperrt, aber das Gatter war offen und so bin ich trotzdem gefahren. Das war auch gut so, denn auf dem Highway wäre es definitiv deutlicher unangenehmer gewesen. Vor einiger Zeit wurde hier anscheinend Forstarbeiten durchgeführt, der Weg ist teilweise von Sägespänen bedeckt. Aber die Arbeiten waren alle abgeschlossen, nur die finale Reinigung des Weges hatte noch nicht stattgefunden. Dessen Qualität war übrigens die ersten zehn Kilometer unter aller Sau. Danach wurde es immer besser. So erreichte ich dann nach 106 vergleichweise ereignislosen aber trotzdem anstrengenden Kilometern Wheeling.

Aber ich war noch nicht im Hotel. Durch Wheeling durch war es recht einfach. Es kam noch eine ordentliche aber zum Glück sehr kurze Steigung in der Stadt, dann landete ich auf dem Weg aus der Stadt heraus auf dem Greater Wheeling Trail. Eine weitere ehemalige Bahnlinie, die nun ein genialer Radweg ist. Inklusive eines Tunnels, der das Überfahren eines Hügels mit immerhin 100 Höhenmetern erspart. Der Trail führt dann nach einer Kurve direkt an der Interstate entlang, wo mir ein riesiges Werbeplakat ein Schmunzeln entlockt: Bleifuss Tire Service. Muss ich nicht erklären, oder?

Dem Trail folge ich bis zu seinem Ende in Elm Grove an der National Road. Dort sehe ich dann sehr rasch mein Super 8 Motel, vor dem ein ganz toller Oldtimer aus den 30er oder 40er Jahren steht. Ich kenne mich nicht so gut damit aus, aber das kommt wohl etwa hin. Ein netter Abschluss des Tages. Ich bin fertig. In mehrfacher Hinsicht. Gute Nacht…

🕑 Ø
5:40 114 km 20.2 km/h 1’140 m 1’200 m

Dein
Marcus

Geschrieben am August 21, 2019