USA 2019 Tag 6 von Ohiopyle nach Pittsburgh

Nachdem es gestern etwas später wurde (und es auch ein sehr anstrengender Tag war) kam ich heute nicht so recht aus den Federn. Obwohl es im Motel kein Frühstück gab, was auch immer etwas Zeit kostet, habe ich mich erst um halb zehn auf den Weg gemacht. Ziel der heutigen Etappe ist die Grossstadt Pittsburgh, wo ich morgen einen Ruhetag einlegen werde. Dazu habe ich mir für zwei Nächte ein Airbnb gebucht. Das liegt nicht direkt im Stadtzentrum, so dass noch mal ein paar Kilometer extra hinzu kommen werden und ich heute über 130 Kilometer schaffen muss.

In der Strasse vom Motel sollte es einen kleinen Supermarkt geben. Ich bin hn und her gefahren, konnte ihn aber nicht finden. Zu viel Zeit wollte ich nicht mit der Suche verbringen, es wird sich unterwegs schon was finden. Wasser habe ich jedenfalls genug dabei. Vom Motel auf den Trail ist es nur ein Katzensprung und weiter geht es auf dem gleichen Trail, wie gestern, der Great Allegheny Passage. Nach wenigen Meter kommt die erste Brücke, die Great Allegheny Passage Trail Bridge heisst. Wer hätte das gedacht! Ich überquere auf ihr den Youghiogheny River, dann kürzt die ehemalige Bahnlinie eine Flussschlaufe ab und es geht ein weiteres mal über den Fluss.

Anschliessend geht es so weiter, wie es gestern aufgehört hat: Immer entlang des Flusses. Der Trail folgt dabei jeder weiteren Biegung. Ebenfalls genauso wie gestern befindet sich die neue Bahnlinie auf der anderen Flusseite. Die dort verkehrenden Züge kann ich nicht sehen, aber hören. In Amerika ist es gang und gäbe, dass Züge alle paar Sekunden auf sich aufmerksam machen, auch wenn es dafür keinen offensichtlichen Grund gibt. Und die Dinger sind laut, wenn sie hornen, das kann ich sagen!

Relativ ereignislos reisse ich die Kilometer herunter. Ich muss nur aufpassen, wo ich fahre, denn vom gestrigen Gewitter liegt auch hier noch alles voller abgebrochener Äste. Nach fast 30 Kilometern kommt dann das erste Highlight: Eine Stadt! Finde ich super, denn ich bin schon ziemlich genau zwei Stunden ohne Frühstück unterwegs und habe Hunger. Die Stadt heisst Connellsville und vom Track aus kann ich die Hauptstrasse herunter eine Tankstelle sehen. Wie bestellt stelle ich dann fest, dass es dort auch Sandwiches und frisches Obst gibt. Fast 40 Minuten halte ich mich in der Tankstelle auf, denn drinnen ist es schön klimatisiert und draussen hatte es bereits wieder knappe 30 °C. So habe ich mit Blick auf mein Fahrrad ein Sandwich, etliche Erdbeeren und einen eisgekühlten Softdrink verspeist. Yummie!

Gerade habe ich Connellsville auf dem Trail verlassen, da treffe ich zufällig wieder auf Matt. Natürlich hat er gerade wieder an seinem Sattel geschraubt. Ja, so etwas dauert, bis er so sitzt, wie er soll. Wir fahren eine Weile plaudernd nebenher. Als wir nach etwa 20 gemeinsamen Kilometern eine kleine Siedlung bei Whitsett Junction passieren, legen wir einen Wasserstopp ein. Ein Anwohner hat direkt am Trail unter einem Baum nicht nur Tisch und Bank, sondern auch eine grosse Kühlbox mit eisgekühlten Wasserflaschen (gratis) aufgestellt. Super Sache und genau zur rechten Zeit! Hier trennen sich unsere Wege, Matt und ich fahren nun in unserer eigenen Geschwindigkeit weiter.

Nach insgesamt 96 Kilometern ist es dann vorbei mit dem Trail. Er mündet auf eine Strasse, die durch ein Industriegebiet führt. Zivilisation? Ich wähne mich schon fast in Pittsburgh. Bin ich zwar nicht, fühlt sich aber so an. Wenn die Brücke auf die andere Seite 15th Street Bridge heisst, dann hat das für mich was von Grossstadt. Auf der anderen Seite des Youghiogheny River geht es nun auf dem McKeesport-Versailles LOOP Trail weiter. Schön asphaltiert. Durch die Stadt, die McKeesport heisst. Es gibt südöstlich auch eine Stadt mit dem Namen Versailles. Daher der Name des Trails. Logisch, oder? Aber ich fahre ihn in die andere Richtung. Dabei komme ich an die Mündung des Youghiogheny River, der sich in den Monongahela River ergiesst. Was für Namen! Indianischen Ursprungs, schätze ich.

Auch diesen Fluss überquere ich, aber wieder auf einer nur für Fussgänger und Radfahrer freigegebenen ehemaligen Eisenbahnbrücke. Es geht weiter flussabwärts durch alte Industriegebiete, mit (gefühlt) hunderten Fabriken, von denen der Grossteil nicht mehr in Betrieb zu sein scheint. Dabei passiere ich auch einen Vergnügungspark am Fluss, der ebenfalls verlassen ausschaut. Zwei riesige, leere Parkplätze. Alles ist geschlossen, nicht fährt, kein Kindergeschrei.

Dann ist es so weit, nach etwa 120 Kilometern fahre ich nach Pittsburgh rein! Über eine Brücke mit separater Fahrradspur geht es auf das Nordufer des Flusses. Dank der Fahrradspur kann ich auf der Brücke anhalten und ein paar nicht so gute Fotos machen. Der Blick auf die Stadt ist super, ich habe die gesamte Skyline von Pittsburgh vor mir. Leider ist die Stunde schon etwas fortgeschritten und die Sonne scheint nicht nur tief, sondern hüllt die Skyline in ein fotomordendes Gegenlicht. Aber Hauptsache, ich habe es gesehen!

Weiter geht es – wer hätte es gedacht – am Fluss entlang. Zum Glück nicht auf de Strasse, sondern auf einem eigenen Radweg. Mein Ziel ist der Point State Park. Er liegt in einem Dreieck am Zusammenfluss des Monongahela River mit dem Allegheny River, die hier in Pittsburgh den Ohio River formen. An der Spitze des Dreiecks hat es einen grossen Brunnen und eine tolle Aussicht auf die drei Flüsse und die Stadt. Nach einiger Zeit des inneren Triumpfes (für mehr war mir dort zu viel los) und einigen obligatorischen Fotos habe ich mich dann auf den Weg in mein Airbnb gemacht.

Gute fünf Kilometer sind es noch, ein Teil davon flussauf des Allegheny River. Das letzte Stück etwas weg vom Fluss hat es auch noch eine ordentliche Steigung mit 8 %. Mein Airbnb liegt auf dem Troy Hill. Nach einem nicht so ereignisreichen aber trotzdem anstrengenden Tag erreiche ich es überglücklich. Vom Host habe ich einen Code für das Türschloss und ruckzuck bin ich drin. Es ist geräumig, mit grosser Küche und es hat sogar Waschmaschine und Wäschetrockner! Alles ist sauber und im Gefrierschrank liegt Eis parat. Perfekt.

🕑 Ø
6:17 131 km 20.9 km/h 1’500 m 1’610 m

Dein
Marcus

Geschrieben am August 19, 2019