USA 2019 Tag 4 von Hancock nach Cumberland

Die vergangene Nacht im Hancock Motel habe ich ziemlich gut geschlafen. So gut, dass ich erst recht spät aus den Federn kam. Das Frühstück im Motel war wie üblich eine Katastrophe, ich habe mich mit Orangensaft begnügt. Der heutige Tag wird körperlich ziemlich anstrengend, denn ich werde die ganzen gut 100 Kilometer zuerst dem Western Maryland Rail Trail und dann wieder dem Chesapeake and Ohio Canal Trail folgen, davon fast 80 Kilometer auf unbefestigten Schotterwegen. Hände, Arme, Schultern und Popo werden daher extrem gefordert sein.

Sehr spät um 10:45 Uhr mache ich mich auf meinen beschwerlichen Weg. Auf der Anfahrt zum Trail, der nur etwa einen Kilometer vom Motel entfernt liegt, stoppe ich wie immer an einer Tankstelle und decke mich für den Tag mit Getränken und Sandwiches ein. Dann geht es genau an der Stelle auf genau dem Maryland Rail Trail weiter, an dem ich ihn gestern verlassen habe. Dieser Trail ist hervorragend ausgebaut. Durchwegs asphaltiert und auch die ehemaligen Eisenbahnbrücken wurden alle für Radfahrer hergerichtet.

Man merkt, dass heute Samstag ist. Auf dem Trail ist sehr viel mehr los, als gestern. Besonders lobenswert finde ich, dass hier jeder jeden grüsst. Es ist ein wirklich entspanntes dahinrollen. Bei allen diesen Trails befinden sich an den Anschlussstellen Hinweistafeln mit Regeln:

  • Fahre nur mit Geschwindigkeiten, die dem Zustand des Weges und der Benutzung angemessen sind
  • Fahre immer rechts
    • Fahre nur links, um zu überholen
    • Warne immer die Personen vor dir
    • Verlasse den Weg, wenn du anhältst
  • Fussgänger haben immer Vortritt
  • Beachte die gesetzlichen Regelungen zur Helmnutzung
  • Stoppe an allen Kreuzungen
  • Tiere müssen angeleint sein und sich immer unter Kontrolle befinden
  • Alkoholische Getränke sind verboten
  • Der Weg wird bei Sonnenuntergang geschlossen
  • Keine Fahrradrennen und keine Geschwindigkeitstrainings
  • Beachte Privateigentum. Sei ein höflicher Benutzer von öffentlichem Land

Nach einer guten Stunde mache ich eine erste Pause, da ich da gerade an einer sehr geeigneten Stelle mit Tisch und Bänken vorbei komme. Mangels nahrhaftem Frühstück passt das auch zeitlich sehr gut und ich esse und trinke etwas. Dabei machen hier auch noch nacheinander drei andere Pärchen unterschiedlichen Alters halt und wir kommen ins Gespräch. Dabei bekomme ich noch ein paar gute Tipps zum Trail, denn vor drei Monaten wurde ein neuer Teilabschnitt des Western Maryland Rail Trail eröffnet. Er ist nun 2-3 Meilen länger und diesem weiter folgen und nicht schon vorher auf den geschotterten Chesapeake and Ohio Canal Trail wechseln, wie es die noch nicht aktualisierte Karte empfiehlt. Das ist klasse, denn auf Asphalt fährt es sich leichter.

Nach über 20 Kilometern war dann Ende der ausgebauten ehemaligen Eisenbahnlinie und ich bin auf den Schottertrail gewechselt. Aber nach nur vier Kilometern habe ich wieder den asphaltierten Trail gesehen und direkt darauf gewechselt. Es fehlt also nur ein kleines Stück in der Mitte. Super, hier rollt es wieder deutlich besser und meine Stimmung ist top. Doch nach zweieinhalb Kilometern stehe ich vor einem Zaun. Die ehemalige Eisenbahnbrücke dahinter ist marode und noch nicht renoviert. Eine Passage ist nicht möglich. Also muss ich umdrehen und wieder auf die Schotterpiste wechseln. Immerhin muss ich nicht ganz zurück, nur etwa die Hälfte. Allerdings macht der Potomac hier eine Schlaufe und der Western Maryland Rail Trail hätte diese abgekürzt, der Chesapeake and Ohio Canal Trail fährt sich vollständig aus. Schade.

Also weiter auf dem Schotter. Da freuen sich die Gelenke. Immerhin gibt es alle paar Kilometer Campgrounds mit der Erlaubnis, dort in der Natur zu zelten. Inklusive mobiler Toiletten und Trinkwasserstellen. Das ist natürlich auch gut für uns Radfahrer. Wie gestern komme ich an jeder Menge Schleusen vorbei. Mittlerweile habe ich dutzende passiert. Immer mit Informationstafeln zur Historie.

Nach ziemlich genau der Hälfte meiner heutigen Etappe, also etwa 50 Kilometern, macht der Chesapeake and Ohio Canal Trail einen Knick weg vom Fluss und folgt dem Kanal, der an dieser Stelle einige enge Schleifen des Upper Potomac River abkürzt. Dieser Abschnitt ist eine berühmte Sehenswürdigkeit, denn für den Kanal wurde eine enge Schlucht in den Fels getrieben. Der Kanal führt hier auch heute noch Wasser und damit die Radfahrer diesen engen Abschnitt passieren können, wurde ein Holzsteg an der einen Seite errichtet. Auf diesem geht es durch die Schlucht.

Fast zwei Kilometer lang ist die Abkürzung, die fast zehn Kilometer Flussschleifen spart. Mit einem Problem. Die Hälfte dieser Abkürzung führte durch einen Berg. So begann man 1836 mit dem Bau eines Tunnels für den Kanal durch den Berg hindurch. 1850 wurde der etwa einen Kilometer lange Paw-Paw-Tunnel eröffnet und er ist heute zwar nicht mehr in Betrieb, steht Wanderern und Radfahrern allerdings als offizieller Bestandteil des Trails zur Verfügung.

Da die Temperatur mittlerweile auf 33 °C gestiegen ist und aus dem Tunnel kühle Luft weht, mache ich vor der Einfahrt eine kleine Pause. Ausserdem ist der Weg neben dem Kanal sehr schmal und vor mir ist eine Gruppe Fussgänger in den Tunnel gelaufen. Denen möchte ich einen guten Vorsprung geben, damit ich sie nicht mitten im unbeleuchteten Tunnel auf dem schmalen Pfad passieren muss. Dann fahre auch ich los. Im Tunnel ist es ziemlich kalt. Ich finde das klasse und geniesse es. Der Boden ist extrem uneben und ich muss sehr langsam fahren und gut aufpassen. Zum Glück habe ich eine extrem gute und wahnsinnig helle Lampe an meinem Fahrrad, die alles vor mir taghell ausleuchtet. Auch wenn ich die Länge des Tunnels unterschätzt habe und er sich immer länger und länger zu ziehen scheint, geniesse ich die Durchfahrt. Am anderen Ende ist ein kleiner Rastplatz, allerdings in der Sonne. Aber wieder mit Informationstafeln, die ich mir durchlese und dort die Geschichte des Tunnels und des Durchbruchs durch den Berg erfahre.

Danach geht es wieder am Fluss entlang. Weitere 46 Kilometer Schotterweg. Auf der linken Seite der Fluss, auf der rechten Seite die Reste vom Kanal. Dann erreiche ich Cumberland. Die Sonne steht schon tief und ich freue mich auf mein Hotel, obwohl ich in den Rezensionen gelesen habe, dass es direkt am Bahnhof liegt und es in den Zimmern sehr laut ist. Die Züge in Amerika hornen auch nachts. Dennoch habe ich mich für das Ramada by Wyndham entschieden, da es sauber, günstig und gut gelegen ist.

Ich erhalte ein Zimmer im obersten Stockwerk. Auf der dem Bahnhof abgewandten Seite mit Sicht auf die Stadt. Glück muss der Mensch haben! Dann war ich noch etwas in der Umgebung des Hotels unterwegs, habe im Wendy’s zu Abend gegessen und mir danach im Queen City Creamery als Dessert einen erstklassigen Milchshake gegönnt. So habe ich den heutigen Tag langsam ausklingen lassen.

🕑 Ø
6:11 102 km 16.4 km/h 180 m 130 m

Dein
Marcus

Geschrieben am August 17, 2019