USA 2019 Tag 3 von Gettysburg nach Hancock

Die Nacht im Colton Motel war recht gut. Es war leise und ich habe gut geschlafen. Das Frühstück allerdings war ein Witz: Ein in Plastik eingeschweisster Muffin! Sonst nichts! Und das wurde als “Inklusive Frühstück” angeboten. Ich weiss, dass in amerikanischen Hotels und Motels das Frühstück oft unterirdisch ist, aber das hier nenne ich dreist. Ich verzichte darauf und mache mich lieber auf den Weg.

Beim Abfahren bemerke ich die geöffnete Tankstelle auf der anderen Strassenseite. Dort decke ich mich mit Getränken und Sandwiches ein. Dann geht es wirklich los. Es ist ziemlich genau neun Uhr. Das Wetter sieht eher mittelprächtig aus. Es ist komplett bewölkt, aber dennoch 20 Grad. Logisch, wass ich die kurzen Fahrradsachen trage.

Aus Gettysburg bin ich schnell heraus und fahre dann eine ganze Weile “durch das Schlachtfeld” aus dem Amerikanischen Bürgerkrieg. Links und rechts der Strasse gibt es alle paar Meter irgendwelche Statuen, Hinweisschilder und alles Mögliche an Andenken an dieses historische Ereignis. Ich fahre nur hindurch. Der Highway verläuft fast schnurgerade und ist kaum befahren.

Kurz vor Emmitsburg verlasse ich diesen Highway und es beginnt die einzige signifikante Steigung des heutigen Tages über ganze zehn Kilometer hinauf zum Blue Ridge Summit. Nach der Abfahrt lande ich wieder auf einem anderen Highway und überfahre nach fast 40 Tageskilometern das erste Mal auf dieser Reise eine Staatsgrenze. Ich verlasse Pennsylvania und fahre nach Maryland hinein. Der grösste Unterschied auf den ersten Blick: Jetzt kommt der Wind von vorne! :-)

Auf jeden Fall geht es erstmal so weiter wie bisher, also auf einem Highway. Nach etwa 60 Tageskilometern erreiche ich die erste grössere Stadt in Maryland: Hagerstown. Nahe des Stadtzentrums befindet sich der City Park und ich mache eine kurze Trinkpause. Dabei bricht die bisher geschlossene Wolkendecke auf und herrlicher Sonnenschein kommt hervor.

Ruckzuck steigt das Thermometer auf 28 °C. Auf meinem weiteren Weg aus der Stadt heraus komme ich an einem vielsprechenden Häuschen vorbei, dass sich auf gefrorene Süssspeisen spezialisiert hat. Logisch, dass ich da einen Halt mache und mir zwei Kugeln absolut leckeres Eis gönne! Sozusagen als Belohnung, dass ich etwa die Hälfte der heutigen Etappe geschafft habe.

Einige Kilometer weiter kam ich dann noch an einem Getränkeladen vorbei, wo ich meine Vorräter vervollständigen konnte. Denn mit jetzt knapp 30 °C habe ich einen deutlich höheren Verbrauch.

Dann war es so weit, ich habe den Punkt meiner Reise erreicht, auf den ich mich die letzten zweieinhalb Tage gefreut habe: Williamsport! Aber es geht nicht um die Stadt. Es geht um den Ort und den Weg. Williamsport liegt am Zusammenfluss des Conococheague Creek und des Upper Potomac River. Ebenfalls an dieser Stelle kreuzt der Chesapeake and Ohio Canal. Hier nehme ich zuerst eine Brücke über den Kanal auf die andere Seite, dann folge ich dem Kanal über den Creek und nun stehe ich am Potomac River. Flussabwärts fliesst dieser durch Washington in den Pazifik.

Für mich interessanter ist der Weg flussaufwärts. Ab hier werde ich abseits jeglicher Strassen dem Potomac River auf dem Chesapeake and Ohio Canal Trail folgen. Nicht nur ein paar Kilometer. Ganze anderthalb Tage! Der Kanal verläuft grösstenteils parallel zum Fluss, ist aber mittlerweile grösstenteils verlandet und wurde von der Natur zurück erobert.

Der Trail besteht aus Schotter und lässt sich leidlich gut fahren. Man muss gut aufpassen, denn der Trail an sich ist zwar recht gut fahrbar, aber ab und zu hat sich ein grosser Stein auf die Fahrspur verirrt oder einer der vielen Bäume bricht den Boden in der Fahrspur mit seinen Wurzeln auf.

Der Trail liegt genau zwischen dem Fluss und dem ehemaligen Kanal. Früher sind hier oft Esel gelaufen und haben die Schiffe durch den Kanal gezogen. Zum Überwinden der Höhenunterschiede gibt es jede Menge Schleusen, von denen viele noch erhalten sind. Einige sind kaum noch als Schleusen zu erkennen, andere sehen fast noch nutzbar aus.

Einer der vielen Informationstafeln an diesem Trail entnehme ich, dass der Kanal bis 1924 in Betrieb war. Da gab es eine grosse Überschwemmung, die viel zerstörte. Ein Wideraufbau der Infrastruktur des Kanals wurde damals als nicht mehr lohnenswert erachtet, da es in unmittelbarer Nähe eine Bahnlinie gab und der Kanal wurde sich selbst überlassen.

Etwa 25 Kilometer fahre ich auf diesem Schottertrail. Dann wechselt die jetzt noch aktive Bahnlinie, die ebenfalls in unmittelbarer Nähe entlang führt, das Ufer und fährt nun südlich weiter den Fluss entlang. Das war nicht immer so. Früher fuhr die Bahnlinie auf der Nordseite. Der nun nicht mehr aktive Teil wurde zu einem perfekten Radweg umgebaut. Ab hier fahre ich nun auf der asphaltierten ehemaligen Bahnlinie weiter und kann auch von instandgesetzten Brücken profitieren. Vom Western Maryland Rail Trail aus kann ich den Chesapeake and Ohio Canal Trail sehen. Aber auf dem Rail Trail rollt es sich bedeutend besser.

Nach fast 20 weiteren Kilometern, die ich sehr viel schneller bewältigen konnte, komme ich in Hancock an. Dort habe ich mich für eine Nacht im Hancock Motel eingemietet. Untypisch für die USA ist, dass man hier das Fahrrad nicht mit aufs Zimmer nehmen kann. Aber sie haben eine Garage, wo es über Nacht sicher steht. Zum Abendessen wurde mir der Grill auf der anderen Strassenseite empfohlen. Ein typischer amerikanischer Diner. Ich hatte ein Cheeseburger mit Pommes, was eine so grosse Portion war, dass ich sie gerade mal zur Hälfte schaffte und dazu gönnte ich mir Dr. Pepper mit unendlichen Refills. Ich war durstig und liess zwei mal nachfüllen.

Insgesamt war es heute ein toller Tag. Ganz besonders der Nachmittag, wo es endlich auf einer sehr schönen Strecke bei tollstem Wetter naturnah durch eine sehr schöne Landschaft ging. So kann es weiter gehen!

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5:45 112 km 19.5 km/h 1’190 m 1’230 m

Dein
Marcus

Geschrieben am August 16, 2019