Meine erste Atlantiküberquerung mit dem Schiff

Wie ich hier bereits schrieb, bin ich am 2. August 2019 an Bord der Independent Horizon gegangen. Am 4. August etwa um 14 Uhr haben wir fast voll beladen in Antwerpen abgelegt. Zuerst ging es den Fluss Schelde hinunter bis in die Nordsee und dann über den Ärmelkanal in den Atlantik. Dort sind wir dann tagelang bis zum Ziel schnurstracks geradeaus gefahren. In einer schnurgeraden Linie. Ziemlich genau direkt nach Westen. Exakt gleiche Richtung im immer gleichen Tempo von um die 30 km/h.

Für diese Überfahrt habe ich mir die Kabine des Schiffseigners geleistet. Eine gute Entscheidung, denn diese ist fast schon luxurios zu nennen. Insgesamt drei Räume. Eine Art Wohn- und Arbeitsbereich mit grossem Schreibtisch am Fenster mit Blick nach vorne, eine Sofaecke mit Sofa, zwei Sesseln und grossem Tisch, ein Flachbildfernseher und ein Kühlschrank. Dann ein Schlafzimmer mit Doppelbett (1.40 x 2.00 m), Tisch, Sessel und auch wieder Fenster nach vorne. Schliesslich noch ein kleines Badezimmer mit Dusche, WC und Waschbecken. In allen Räumen hatte es noch ausreichend Stauraum in verschiedenen Schränken. So lässt es sich gut aushalten!

Nachdem wir die Reichweite der landgestützten Mobilfunkversorgung verliessen, habe ich mir beim Kapitän satellitengestützes Internet für USD 16 gekauft. Bei fünf Cent pro Megabyte entspricht das 320 MB. Hauptsächlich möchte ich das für LocaToWeb nutzen, um während der Überfahrt die Route live tracken und meinen Freunden wie immer auf meiner Live-Tracking Seite zur Verfügung stellen zu können. Ausserdem möchte ich ein mal pro Tag die Überschriften meiner Mails überfliegen, aber nur im Notfall reagieren. WhatsApp, Facebook, Twitter und was es sonst noch so alles gibt, inklusive Internet-Surfen, ist tabu. Schliesslich habe ich mich auf eine Überfahrt ohne Internet eingestellt und das soll im Grossen und Ganzen auch so bleiben!

Dann wollte ich mir noch ein paar Softdrinks leisten. Die sind nicht inklusive und müssen an Bord gekauft werden. Dabei musste ich lernen, dass die hier nicht einzeln verkauft werden sondern immer nur palettenweise. 24 Dosen á 33 cl auf einer Palette. Dann nehme ich eben eine ganze Palette, ich bin schliesslich noch anderthalb Wochen auf diesem Schiff. Für USD 14 nenne ich das ein Schnäppchen.

Während der gesamten Überfahrt war das Wetter nahezu perfekt. Mitunter hatte es Nachts oder am Morgen geregnet, tagsüber kam dann aber immer die Sonne raus. Der Ozean war so glatt wie ein Spiegel. Das Schiff hat nur ganz leichte Rollbewegungen gemacht. Nur am siebten Tag gab es zuerst keine Sonne, da zog am Vormittag der Himmel zu und wir durchfuhren eine zum Glück nur kleine Gewitterfront mit Sturzregen, Blitz und Donner. Aber die See blieb ruhig und keine zwei Stunden später am Mittag lachte die Sonne wieder von einem strahlend blauen Himmel. Besser kann eine Überfahrt eigentlich nicht laufen.

Das Essen würde ich als rustikal bezeichnen. Ich bin eben nicht auf einem Passagierdampfer sondern auf einem Frachtschiff. Die Mannschaft muss energiereich essen, die Arbeit auf einem Containerschiff ist nicht einfach und die Tage sind sehr lang. Für mich war das Essen meist zu fettig. Zum Frühstück gab es Eier nach Wunsch und dazu verschiedene Würste. Je nach Wochentag kamen noch Pancakes dazu. Brot mit Wurst und Käse sowieso. Mittags wurde warm gegessen, mit täglich wechselnder Suppe und dann das Hauptgericht mit Fleisch oder Fisch. Abends gab es wieder eine warme Mahlzeit, natürlich ebenfalls wieder Fleisch oder Fisch. Das Fleisch war meistens mit sehr viel Fett durchzogen. Die Männer hier brauchen das. Die nehmen zu jeder Mahlzeit noch eine ganze Schale Reis dazu und sehen trotzdem alle sehr schlank aus. Vegetarier gibt es hier nicht, die sind nicht kräftig genug. Da ich als Passagier natürlich nicht gearbeitet habe, habe ich in den paar Tagen mit Sicherheit einige Kilos zugenommen. Die darf ich dann bei meiner weiteren Reise wieder los werden.

Beim Fliegen gibt es den Jetlag. Von Europa in die USA werden, je nach Zielort, mindestens sechs Zeitzonen innerhalb kürzester Zeit durchflogen. Bei der Überfahrt mit dem Schiff müssen die Zeitzonen natürlich ebenfalls passiert werden, um das gleiche Ziel zu erreichen. Aber sehr, sehr viel langsamer. In sechs von neun Nächten wurde die Uhr an Bord jeweils eine Stunde zurück gestellt. Das ist wie die Umstellung von Winterzeit auf Sommerzeit. Oder war es umgekehrt? Jeweils nur eine Stunde in der Nacht geht an mir fast unbemerkt vorbei. Ein bisschen spüre ich das, da es immer zwei Nächte nacheinander sind, dann folgt eine Nacht ohne Umstellung. Der “Shiplag” ist zwar vorhanden, allerdings – zumindest für mich – kaum spürbar.

Etwas Abwechslung bracht der Drill mitten auf dem Atlantik. Es gab Alarm und dann wurde das Verlassen des Schiffes trainiert. Zuerst mit dem Rettungsboot auf Deck drei, dass von dort über eine Rampe ins Wasser stürzt. Da es eine Übung war, blieb es natürlich an Bord. Dann wurde noch die Evakuation mit den Rettungsflössen auf dem Hauptdeck triniert. Anschliessend wurde noch das Beseitigen von auslaufenden Gefahrstoffen geübt und als krönenden Abschluss galt es einen imaginären Brand im Maschinenraum zu bekämpfen. Soweit ich das als mehrheitlich stiller in der Ecke herumstehender und beobachtender Komparse beurteilen kann, wurde das Schiff vorbildlich gerettet.

Am ersten Samstag auf See, eine knappe Woche nach dem Auslaufen, gab es eine Party. Die wird auf Frachtschiffen oft regelmässig veranstaltet, da die Mannschaft hier meistens neun Monate am Stück verbringt. Es gab ein reichhaltiges Barbeque mit Fleisch, Geflügel, Schrimps, Muscheln, diversen Salaten und natürlich Getränken. Das ist für die Mannschaft der einzige Tag, an dem sie Alkohol erhalten. Sie könnten sich an Bord zwar etwas kaufen, das ist für die einfache Mannschaft allerdings nicht gerade billig. Was darf bei einer Party an Bord natürlich nicht fehlen? Genau: Karaoke! Ich habe mir das nur angesehen, mit den Offizieren ein paar Wodka gezischt und dann bin ich, wie die vergangenen Tage, etwa um 22 Uhr leicht angedüselt ins Bett.

Am Morgen des siebenten Tages stürzte nach einer Woche ununterbrochener und fehlerfreier Arbeit die App LocaToWeb auf meinem Nokia Smartphone ab. Einfach so aus heiterem Himmel. Nach einem Neustart hat die App die noch nicht übermittelten Daten dann noch an den Server geschickt, allerdings findet die App danach über eine Stunde keine Satelliten mehr. Ich hoffte, die wurden nicht als Vorbereitung einer Alien-Invasion abgeschossen und der Fehler liegt am Gerät. Nach viel zu langer Zeit kam ich auf die Idee, einen Soft-Reset zu probieren und das ganze Gerät neu zu starten. Das hat dann zum Glück geholfen! Ich schätze, dass mir ungefähr zwei Stunden Tracking fehlen. Bei um die 30 km/h entspricht das ca. 60 km zurückgelegter Strecke. Bei etwa 6’500 km Überfahrt also unter 1 %. Das ist zu verschmerzen.

Heute, nach 11 Tagen an Bord, 9 Tagen Überfahrt und 6’644.6 km zurückgelegter Strecke bei durchschnittlich 30 km/h kamen wir am Mittag in Philadelphia an. Oder besser gesagt im Hafen von Chester, etwa 20 km südlich vom Stadtzentrum von Philadelphia. Nach dem Passieren der Migration und der Einreise bin ich nur das kurze Stück zu meinem Hotel mit meinem Fahrrad gefahren. Hier bereite ich jetzt den morgigen Start vor. Hoffentlich kann ich heute gut schlafen. In einem Bett, dass nicht von links nach rechts rollt. Meine aktuelle Planung mit allen Etappen kannst du dir bei Komoot anschauen:

Aktuelle Etappenplanung bei Komoot anschauen

Natürlich wird es ab morgen auch wieder ein Live-Tracking geben und ich werde hier in meinem Blog von meinen Erlebnissen berichten und auch einige Fotos veröffentlichen. Meine Experimente mit der GoPro führe ich fort, so dass es wahrscheinlich auch einige Bewegtbilder von meiner Reise zu sehen geben wird – allerdings mit entsprechender Verzögerung, denn der Videoschnitt benötigt einiges an Zeit und zum Hochladen brauche ich ein stabiles und schnelles WiFi. Es bleibt spannend!

Dein
Marcus

Geschrieben am August 13, 2019